Hauptsache, das Feindbild stimmt...

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07.03.2021

Ich habe neulich einen Post bei Mastodon gelesen, der mich wieder mal aus der Hose hüpfen ließ

Ich gebe zu, dass man den Post auch wesentlich undramatischer lesen und verstehen kann, als ich das getan habe. (Und es kann natürlich auch sein, dass die Person, von der er stammt ihn satirisch oder kabarettistisch meinte, ich das aber nicht verstanden habe.)

Ich sollte vielleicht also zunächst erstmal erklären, wie ich ihn verstanden habe: Es wird ein negativer Aspekt in der Interaktion mit anderen Menschen herausgegriffen und postuliert, dass

a) nur Männer dieser Verhaltensweise anhängen und b) Männer diese Verhaltensweise immer zeigen und sie ihnen abgewöhnt werden muss.

Ich finde das schade, weil hier wieder - aus welchen individuellen Gründen auch immer - auf "wir gegen die" verkürzt wird, um ein ordentliches Feindbild zu haben. Ich stelle mir gerade Diskussionen zwischen Betonfeministen und gemäßigten Feministen vor, in der dann folgender Gesprächsfetzen zu hören ist: "Aber wie kannst du sagen, dass du mit Männern generell gut klarkommst - ständig versuchen die, Dir Deinen Job zu erklären!"

Dieser Art Totschlagsargumente kann ich generell nicht folgen - weder wenn es um Männer geht, noch um Frauen, noch um Amerikaner oder Republikaner, Menschen mit Migrationshintergrund, AfD-Wähler oder, oder, oder...

Wenn man nämlich erst einmal ein schönes Feinbild aufgebaut hat und es heißt "wir gegen die", heißt es auch bald "wer nicht für uns ist ist gegen uns!". Es gab in der Geschichte immer wieder (meistens vor und in Kriegen) die Bestrebung, den Gegner herabzuwürdigen um die Rechtfertigung für ein Vorgehen zu konstruieren, das - wenn man den Gegner als Mensch und Individuum wahrgenommen hätte - niemals zur Ausführung gelangt wäre. Wer würde schon in einer normalen Situation auf einen anderen Menschen schießen? Wenn uns aber erklärt wird, dass das "der Feind" ist, geht so etwas plötzlich viel einfacher!

Ich möchte übrigens mit der "Herabsetzung" der anderen (im Netz finden sich bestimmt noch NS-Propagandaplakate mit einschlägigen Darstellungen der "Russen" oder "Bolschewiken" - ich suche nicht danach und verlinke absichtlich nicht auf so etwas) nicht nur auf die Einordnung als charakterlich böse, sondern die spätestens mit der Kolonisierungswelle und auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts oft benutzte Einordung als schwach und unterentwickelt verweisen: Der "Wilde" musste "zivilisiert" werden und die "Unterdrückten" müssen "befreit" oder - schlimmer noch - "demokratisiert" werden.

Ich würde mir wünschen, dass endlich aufgehört wird, diesem Reflex immer wieder anheimzufallen, "die anderen" als Feinde oder "nicht zu uns gehörig" zu verdammen und sich selbst immer einzureden, man sei besser. Einfache Erklärungen haben noch nie geholfen. Sie verursachen nur Leid.

Natürlich finde ich die im angegebenen Post geschilderten Vorkommnisse ebenfalls furchtbar - ich würde mich sicher ebenso darüber aufregen, wenn es mir passieren würde. Dennoch würde ich nicht auf die Idee kommen, deswegen blonde Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen ohne Hochschulabschluss oder Menschen, die dem "falschen" Geschlecht angehören, zu verdammen und diesen Gruppen dasselbe schlechte Verhalten einfach pauschal zu unterstellen! Ich zitiere hier gerne wieder J. Michael Straczynski, der G'Kar sagen lässt: "Evolution teaches us that we must fight that which is different in order secure land, food, and mates for ourselves, but we must reach a point when the nobility of intellect asserts itself and says: No. We need not be afraid of those who are different, we can embrace that difference and learn from it."

Das kann ich nur unterstreichen: Niemand sollte heute einen Menschen oder dessen Meinung alleine wegen der (wahrgenmommenen) Zugehörigkeit zu einer "falschen" Gruppe ablehnen oder ignorieren. Und wir sollten alle dagegen aufstehen, wenn wieder einmal jemand uns dazu bewegen möchte, einem solchen konstruierten Feindbild anzuhängen.

Als letzter Gedanke hierzu noch eine Anmerkung zu dem bereits zitierten "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!":

Wie gewaltig schief das gehen kann, kann man in der Geschichte sehen (Ich weiß allerdings auch, dass eine der vornehmsten Eigenschaften dses Homo Sapiens ist, aus seiner Geschichte aber auch gar nichts zu lernen): Ich beziehe mich auf "Die Revolution frisst ihre Kinder" - einfach mal googlen...

Auch die Worte Martin Niemöllers sollten eigentlich eine Warnung sein, was die Einteilung der Menschen um uns herum in "gute" und "schlechte" angeht:

Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

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