Windows8 und Ich

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29.06.2013

Warum ich und Windows8 nie Freunde werden können.- Warnung: dieser Text ist stark subjektiv eingefärbt. Er gibt lediglich meine persönliche Meinung wider und erhebt ausdrücklich keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Es ist schon viel geschrieben worden über die Gründe, Möglichkeiten, Risiken und Grenzen von Windows8. Ich wollte es aber selber testen und habe mir daher die Testversion von Windows8 heruntergeladen und sie in einer virtuellen Maschine (VirtualBox) installiert.

Alle anderen Argumente, die bereits gegen Windows8 vorgebracht wurden, werde ich hier nicht wiederholen. Ich werde nur drei Aspekte herausgreifen, die mir aufgefallen sind:

Kacheln

Das Kacheldesign ist Geschmackssache - schließlich ist diese Webseite auch nicht überladen von Pseudo-3D-Effekten und halbdurchsichtigen Bilderrahmen. Allerdings bin ich der Meinung, daß viele Bedienelemente zu groß sind: Sie nehmen einfach zu viel Platz auf dem Bildschirm ein. Außerdem existiert viel Platz zwischen den einzelnen Bedienelemeneten, der meiner Ansicht nach verschenkt ist.

Man kann die Größe der Bedienelemente natürlich immer mit der Touchscreen-Bedienung erklären - aber ernsthaft: welcher Arbeiter an einem PC-Arbeitsplatz kann 8 Stunden durchhalten, den rechten Arm ausgestreckt in der Luft zu halten? Viele Menschen finden es hinderlich für die Produktivität, die Hand zur Maus bewegen zu müssen und nutzen statt dessen Tastaturkürzel. Wie viel weiter und anstrengender ist es aber, die Hand von der Tastatur zu nehmen und sie statt zur Maus zum Bildschirm zu führen?

Seltsam finde ich, daß sich noch keine der Organisationen zu Wort gemeldet hat, die sich mit Richtlinien der Ergonomie am Arbeitsplatz beschäftigen.

Fehlende Intuitivität

Mein eigentlicher Test mit Windows8 war in Minutenschnelle zu Ende: Ich wollte nichts drucken, ich wollte keine exotische Hardware in Betrieb nehmen oder mich in ein WLAN einbuchen: Ich wollte einfach nur zwei oder drei Webseiten anschauen. Dazu benutzte ich den Internet Explorer. Ich öffnete eine Seite im Web und auf dieser Seite wählte ich zwei Links aus, die ich in neuen Karteikarten öffnete. So weit, so gut. Aber ich fand einfach keine Möglichkeit, diese Karteikarten zur Anzeige zu bringen. Nach 5 Minuten war ich frustriert. Das einzig positive an dieser Erfahrung war, daß ich dadurch wieder gigabyteweise mehr Speicherplatz auf der Festplatte frei hatte. Sofortige Löschung der virtuellen Masschine war meiner Ansicht nach der einzige logische Schritt.

Die Mutter aller Rückschritte

Das ist für mich ohne jeden Zweifel die Idee, das Multitasking abzuschaffen. Das mag überspitzt formuliert sein, aber wer um Himmels willen ist auf die Idee gekommen, daß nur noch ein Programm gleichzeitig sichtbar sein darf - in Ausnahmefällen dürfen sich zwei Anwendungen den Bildschirm ein Drittel zu zwei Drittel teilen. Microsoft hatte ja lange Probleme, echtes Multitasking anzubieten, aber warum schaffen sies wieder ab, jetzt wo es so aussieht als hätten sie endlich geschafft, diese Herausforderung zu lösen?

Jeder Bildschirmarbeiter wird bestätigen, daß man heutzutage meistens mit mehreren Anwendungen arbeiten muß: mal muß man was aus Excel nach Word kopieren, mal benötigt man gleichzeitig Zugriff auf Visual Studio und das Requirements-Dokument: Jeder kennt solche Situationen und mit Windows8 soll ich dafür jedesmal umständlich die Anwendungen umschalten? Zwei Texte nebeneinander zu legen um sie zu vergleichen wird gar nicht mehr gehen? Dieser Entscheidung ist mit der Einschätzung "katastrophal" noch geschmeichelt. Man stelle sich vor: ein Bildschirm mit 2500x1600 Pixeln Auflösung. Ich muß mir darauf eine Anwendung mit 300x300 Pixeln großen Buttons anschauen, mit riesigen leeren Stellen in der GUI - wenn ich dieselbe Funktionalität auf einem Viertel des Bildschirms zusammenfassen könnte und noch Platz hätte, andere Anwendungen im Blick zu behalten.

Man hat aus Redmond das Argument gehört: "Wir wollen, daß sich alle Geräte in der Bedienung gleich anfühlen!" Was für ein Irrsinn - mein Rasenmäher und mein Auto haben beide einen Verbrennungsmotor: Ich will nicht, daß sich diese Geräte in der Bedienung gleich anfühlen - ich will, daß sie ein Bedienkonzept haben, das auf ihren jeweiligen Einsatzzweck hin abgestimmt und optimiert ist. Sogar Apple hat das begriffen: es gibt iOS und es gibt MacOS für Telefone und Rechner. Nur Microsoft macht aus Wahnsinn Firmenstrategie.

Microsoft ist damit für mich in die selbe Liga gerutscht, wie Sony vor einigen Jahren. Sony möchte keine Geräte für Poweruser mehr bauen - man möchte Unterhaltungselektronik-Konzern sein. Das wurde mir schmerzlich klar, als wir damals noch für unsere Firma einen neuen Laptop für Messeauftritte anschafften. Bisher sehr zufrieden mit soliden Sony-Erzeugnissen, kauften wir wieder dort. Allerdings war diese Power-Maschine (schneller Prozessor, 8 GB Ram, 500GB Festplatte) durch Sony erstens mit dermaßen viel Crapware belastet, daß man gar nicht wußte, was man zuerst deinstallieren sollte. Zweitens - und viel schwerwiegender: wir brauchten zu Messe-Zwecken auf diesem Rechner virtuelle Maschinen. Leider war aber werksseitig die Hardware-Virtualisierungs-Unterstützung abgeschaltet und im BIOS gab es keine Möglichkeit, dies zu aktivieren. Das ist das Gleiche, wie Rennpferde zu verkaufen und nur mit drei Beinen auszuliefern. Microsoft vergißt nun eben auch seine Geldmaschinen: Unternehmen, die mittels Rechnern ernsthaft arbeiten müssen und Menschen, die durch die Benutzung von Computern ihren Lebensunterhalt verdienen. All diese Kunden (oder sollte ich sagen: ehemaligen Kunden) verprellt man mit einem unausgegorenen, nicht bedienbaren Mischmasch kruder Ideen, weil in Redmond offensichtlich nur noch auf aufmerksamkeitsgestörte, Touchscreen-tippende Teenies geschiehlt wird. Traurig...

Fazit

Ich werde nicht nur kein Geld für dieses Machwerk ausgeben - ich werde auch sehr traurig sein, wenn ich eines Tages gezwungen sein werde, mich beruflich damit zu befassen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß in Redmond nicht zu Ende gedacht wurde, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was das für ein Ende gewesen ist.

Aktualisierung vom 29. Juni 2013

Habe gerade Windows 8.1 ausprobiert - mal ehrlich Microsoft: wie viele Entwickler arbeiten noch bei Euch? Weiter oben habe ich ja schon gesagt, was ich davon halte, Fenster abzuschaffen und Bildschirmfläche zu verschenken, aber was ihr in der 8.1 anbietet, das schreit nun wirklich zum Himmel: In den Medien krekeelt ihr rum, daß man jetzt das Verhältnis zweier nebeneinander angeordneter Apps variieren kann und feiert das auch noch als Wahnsinns-Feature.

Doch was geschieht, wenn man es mal ausprobieren möchte: Das hier!

Windows 8.1 Teilung mit weniger Platz für den Taschenrechner Hier sieht es noch gut aus: der Taschenrechner ist schön klein neben dem Browser Windows 8.1 Teilung mit mehr Platz für den Taschenrechner Was ist denn das?!?! Der Taschenrechner hat nun viel mehr Platz, doch wofür nutzt er ihn? Dafür, daß sein Designpreis-verdächtiger dunkelgrauer Rand besser zur Geltung kommt!

Der Taschenrechner hat offensichtlich nur zwei fest einprogrammierte Layouts: eins für "ich habe den Bildschirm für mich allein" und eins für "ich muß den Bildschirm mit jemandem teilen". Der Taschenrechner! Eine Anwendung, die jetzt nicht so kompliziert ist! Eine Anwendung, die von Microsoft stammt! Eine Anwendung, die ihr voll unter Kontrolle habt! Mein Gott - da kann man echt nur Angst bekommen!

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Manche nennen es Blog, manche Web-Seite - ich schreibe hier hin und wieder über meine Erlebnisse, Rückschläge und Erleuchtungen bei meinen Hobbies.

Wer daran teilhaben und eventuell sogar davon profitieren möchte, muß damit leben, daß ich hin und wieder kleine Ausflüge in Bereiche mache, die nichts mit IT, Administration oder Softwareentwicklung zu tun haben.

Ich wünsche allen Lesern viel Spaß und hin und wieder einen kleinen AHA!-Effekt...

PS: Meine öffentlichen GitHub-Repositories findet man hier.